Meinungen - 10.07.2014 - 00:00 

WM-Finale: Wer sieht rot?

Auf eine spiel- und torfreudige Gruppenphase mit sieben erfolgreichen Teams aus Lateinamerika folgte im Alles-oder-Nichts der Achtel- und Viertelfinale das Kontrastprogramm. Yvette Sánchez, Professorin für Spanische Sprache und Literatur, wirft einen Blick auf die Fussballkultur Lateinamerikas.
Quelle: HSG Newsroom

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11. Juli 2014. Wir stehen kurz vor dem grossen und dem kleinen Finale und haben soeben die beiden Halbfinals zwischen zwei lateinamerikanischen und zwei europäischen Mannschaften, darunter der Gastgeber, mitverfolgt. Das Debakel Brasiliens liess die lokalen Fans sprachlos und tieftraurig zurück. Fussballer und Journalisten gerieten in Erklärungsnotstand, und dem Desaster versuchte man, kaum in fussballerischen, vielmehr in psychologisierenden, oft metaphysischen Dimensionen irgendwie beizukommen.

Die Konkurrenz mit Nachbar Argentinien, der es in ihrem Land und an ihrer Stelle ins Finale geschafft hat, stellt die brasilianischen Gemüter zusätzlich auf eine – allerdings kleinere – Probe. Zur Einstimmung auf beide Endspiele möchte ich den lateinamerikanischen und fussballkulturellen Kontext kurz kommentieren.

Brasilien im Schockzustand
Auf eine attraktive, spiel- und torfreudige, eher unbeschwerte Gruppenphase mit sieben erfolgreichen Teams aus Lateinamerika folgte im Alles-oder-Nichts der Achtel- und Viertelfinale das Kontrastprogramm, geprägt durch konfrontative, mühselige und meist knappe Entscheidungen der Spielverläufe mit zahlreichen Fouls. Die harte, rein lateinamerikanische Begegnung zwischen Brasilien und Kolumbien mit 54 gepfiffenen Regelverstössen und einem verheerenden Kniestoss in den Rücken reichte zur allgemeinen Tristesse: Nicht nur in Brasilien erhielt das Fest einen empfindlichen Dämpfer. Neben dem brasilianischen Schockzustand wird Juan Zúñigas brachiales Foul an Neymar, der einen Lendenwirbelbruch erlitt, die internationale Aufmerksamkeit wohl in folgende Richtungen lenken.

Für das betrübliche Image Kolumbiens mit seiner Violencia-Tradition, die in Kolumbien seit 1948 (Bogotazo) immer wieder traurige Rekorde und Schlagzeilen auslöste, ist durch dieses eine Foul ein Rückfall zu befürchten in eine Gewaltspirale, aus der man in einem langwierigen, aufwändigen Prozess herausfinden und die positiven Signale eines Emerging Market aussenden wollte.

Die internationale Berichterstattung hatte eben erst an das Trauma der Ermordung des Fussballstars Andrés Escobar erinnert, der vor genau 20 Jahren ermordet wurde, am 2. Juli 1994, nach einem unglücklichen Eigentor an der WM in den USA. Dies hatte den kolumbianischen Fussball auf dem internationalen Parkett lange Jahre gelähmt. Kaum hat sich die Nationalelf so wunderbar in die Weltmeisterschaft zurück gespielt, gibt es – allerdings nicht innerhalb des Landes – wieder Morddrohungen gegen einen Spieler, der wohl für längere Zeit geschützt werden muss.

Sport wird instrumentalisiert
Zwietracht geht – trotz einer deutlich völkerverbindenden Wirkung – allzu oft mit Fussball einher, wobei bei Gewaltakten der Sport, nicht anders als bei Religionskriegen, instrumentalisiert wird, wie etwa im Falle des «Fussballkriegs» mit immensen Opferzahlen während der Qualifikationsrunde für die WM 1970 zwischen den Nachbarstaaten El Salvador und Honduras. Die tatsächlichen Probleme lagen aber nicht beim Sport, sondern im sozialen Bereich und bei den zahlreichen illegalen salvadorianischen Einwanderern in Honduras.

Auch bei den Protesten im Vorfeld der WM in Brasilien wussten Teile der unzufriedenen Bevölkerung die internationale Aufmerksamkeit wegen des bevorstehenden Fussballturniers als Plattform zu nutzen, um auf die soziale Ungleichheit und die grassierende Korruption, die desolate Infrastruktur und die prekäre Lage im öffentlichen Verkehr wie auch im Bildungs- und Gesundheitswesen hinzuweisen. Noch nie lenkte die Regierung beispielsweise bei einem Polizeistreik und den erhobenen Lohnforderungen so schnell ein, wie kurz vor der WM: Die Sicherheit während der Spiele musste à tout prix gewährleistet sein.

Ein verhängnisvoller Biss

Die infantil, ja atavistisch anmutende Reaktion des Beissens als Ventil, über das der uruguayische Fussballstar Luis Suárez seinen immensen Erfolgsdruck abliess, war die bestimmende Nachricht nach dem entscheidenden Spiel gegen Italien. Auch diese Tätlichkeit blieb vom Schiedsrichter ungeahndet. Im Gegensatz zum Zúñiga-Foul zeitigte der Biss aber keine nennenswerten Verletzungsfolgen für den angegriffenen Giorgio Chiellini. Die Sperren durch die Disziplinarkommission der FIFA gegen Suárez wurden bereits verhängt (vier Monate und neun Spiele der Nationalmannschaft), wohingegen Zúñiga von der FIFA keine Sanktionen zu befürchten hat. Die Auswirkungen für den uruguayischen Stürmer, das Fussballland Uruguay und wohl auch für Lateinamerika sind so oder so bereits verheerend. Man ist an Zidanes Kopfstoss erinnert. Suárez wird mit Hohn und Spott überschüttet; es war in der Boulevardpresse bereits vom «Kannibalen» die Rede.

Reputationsschaden für lateinamerikanische Fussballländer
Der Reputationsschaden für beide gut aufspielenden lateinamerikanischen Fussballländer ist beträchtlich. Die internationale Euphorie gegenüber dem erfolgreichen lateinamerikanischen Fussball an der WM in Brasilien erfährt durch diese Fouls eine herbe Enttäuschung.

Das Fremd- und Selbstbild Brasiliens wird zweifelsohne durch die massive mediale Aufmerksamkeit beeinflusst, die dem Land unmittelbar vor, während und nach den WM-Wochen zuteil wird. Wie nie zuvor, publizieren die Medien unzählige vermeintlich aufklärerische Hintergrundberichte.

Die gesamtgesellschaftlichen Kollateralschäden (auch in Bezug auf das Image) sind durchaus vergleichbar mit den mehrheitlich ernüchternden Berechnungen der wirtschaftlichen und infrastrukturellen Vor- bzw. Nachteile für das Gastland eines Sportgrossanlasses. In erstaunlich eintöniger Weise werden alte Stereotypen perpetuiert und neue hinzugefügt. Welches Medium berichtete etwa nicht über Lifestyle-Phänomene wie das florierende Geschäft brasilianischer Schönheitschirurgen, den gewachsenen Kokainkonsum im Land oder den geplanten Umbau von Favelas in Luxuswohnungen mit guter Aussicht?

Auswirkungen auf die kommenden Wahlen
Die Medien spekulieren auch bereits wild über die Wahlen im September 2014. Die Umfragewerte Dilma Rousseffs hatten sich – nicht zuletzt auf Grund ihres dirigistischen Kurses – schon vor der WM von 44% auf 34% verschlechtert. Auch eine Rezession wird heraufbeschworen, nachdem die Grossbank Itaú unlängst Wachstumsprognosen von gerade einmal 1% für 2014 bekannt gegeben hat, (Alexander Busch. «Brasilien steuert auf eine Rezession zu». NZZ, 10. Juni 2014). Noch am 7. Juni hatte der gleiche Korrespondent mit der Begründung der tiefen Auslandverschuldung (bei 2% zum BIP), den Devisenreserven, der Vollbeschäftigung, dem soliden Bankensystem und dem gigantischen Binnenmarkt geschrieben: «Doch trotz den vielen schlechten Nachrichten steht Brasilien nicht vor einer Wirtschaftskrise». Selbst der Ausnahmezustand WM bremse das Wachstum, wegen Arbeitsausfällen und sinkendem Konsum (mit Ausnahme von Bier, Snacks und Drogen).

Auch wenn man noch vor dem Halbfinal gegen Deutschland hätte annehmen können, dass paradoxerweise durch die Verletzung Neymars etwas Druck von der Seleção genommen und so ein Misserfolg bei der Copa do Mundo entschuldbar würde, sollte alles ganz anders kommen. Das Spiel, so meinte man, berge vielleicht ohne die alles bestimmende Konzentration auf den hoch talentierten Hoffnungsträger ungeahnte Chancen durch eine deutlichere Strategie des Mannschaftszusammenhalts. Die verheerenden Folgen des historischen Fiaskos zeigten sich bereits unmittelbar nach dem Spiel mit den wieder erwachten Strassenprotesten: in São Paulo gingen in der Nacht danach 20 Busse in Flammen auf.

Eine sentimentale Note zum Schluss: Nie werden wohl auf dem lateinamerikanischen Kontinent die männlichen Tränenkanäle derart reichlich geöffnet, wie während einer WM. Selbst ein gestandener Akademiker aus Rio, der sich das hart umkämpfte Spiel Brasilien-Chile hier in St.Gallen anschaute, schluchzte nach überstandenen Strapazen hemmungslos. Man beobachtet sich zuweilen fast vorwurfsvoll, wenn keine Tränen fliessen nach einem verlorenen (oder gewonnen) Spiel – fazem parte.

Foto: Astonishing / photocase.de

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