Forschung - 19.01.2023 - 11:00

Unternehmerische Leidenschaft und der Kampf um Talente

Assistenzprofessorin Silvia Stroe hat eine Passion für die Leidenschaft. Sie untersucht, wie sie sich in jungen Unternehmen im Kampf um Talente auswirkt. Ihr Fazit: Drängt Leidenschaft zu stark in den Vordergrund, wird sie negativ empfunden. Der Forschungsartikel ist in «Small Business Economics» erschienen.

Junge Unternehmen, die sich neu im Markt positionieren wollen, haben es nicht leicht. Das zeigt sich besonders, wenn es darum geht, talentierte Mitarbeitende zu finden. Im Gegensatz zu etablierten Firmen mit bekannten Namen sind sie den Arbeitssuchenden weniger vertraut und können auch nicht mit grossem Gehalt locken. Bei jungen Unternehmen ist zudem die Gefahr grösser, dass sie scheitern, weil ihre Geschäftsidee noch nicht gefestigt ist und sie besonders anfällig für wirtschaftliche Abschwünge sind. «Damit haben neue Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil und stehen in der Regel vor grossen Herausforderungen bei der Rekrutierung talentierter Mitarbeiter», betont Silvia Stroe, die seit dem 1. Februar 2022 als Assistenzprofessorin im Global Center of Entrepreneurship and Innovation (GCEI-HSG) arbeitet.

Überleben und Wachstum braucht Talente

In ihrer Forschungsarbeit «New ventures fighting the war for talents: the impact of product innovativeness and entrepreneurs’ passion on applicant attraction» geht Silvia Stroe der Frage nach, wie Jungunternehmer:innen talentierte Mitarbeitende davon überzeugen können, in ihrer Firma zu arbeiten. «Humankapital ist enorm wichtig für neue Unternehmen, da es eng mit dem Überleben und Wachstum von Unternehmen verbunden ist. Die Einstellung von Talenten ist für sie deshalb von entscheidender Bedeutung», erläutert sie. Oft hätten Neuunternehmer:innen durchaus gewichtige Argumente, um als attraktive Arbeitgeber zu gelten. «Viele von ihnen haben aber nur geringe Erfahrung mit der Personalrekrutierung und können sich auch nicht auf die Unterstützung von Fachkräften einer Personalabteilung stützen.» 

Zusammen mit ihrer Co-Autorin Evila Piva vom Politechnikum in Mailand untersuchte Silva Stroe wie Unternehmer:innen verbale und nonverbale Kommunikation einsetzen können, um die einzigartigen Eigenschaften ihres Unternehmens überzeugend an Arbeitssuchende zu vermitteln und so ihren Bewerberpool zu vergrössern. «Wir haben Stellensuchenden Videos von Unternehmer:innen gezeigt, welche die Produkte oder Dienstleistungen ihrer Firmen präsentieren. Anschliessend haben wir sie gebeten, die Attraktivität dieser Unternehmen als Arbeitgeber zu bewerten.»

Die Leidenschaft nicht übertreiben

Den Bewertungen der Stellensuchenden war zu entnehmen, dass Unternehmen als attraktive Arbeitgeber angesehen werden, wenn sie die Innovationskraft ihrer Produkte oder Dienstleistungen kommunizieren und eine moderate Leidenschaft zeigen. «Die wichtigste Schlussfolgerung aus dieser Studie ist daher, dass Unternehmer, die auf der Suche nach Mitarbeitenden sind, Informationen über die Produktinnovation in den Vordergrund stellen sollten. Interagieren sie mit den Arbeitssuchenden, kann es durchaus hilfreich sein, Leidenschaft zu zeigen. Sie sollten sich jedoch davor hüten, ihre Leidenschaft allzu stark zu betonen», erklärt Silvia Stroe.

Die Assistenzprofessorin nennt mehrere Gründe, weshalb sich übertrieben stark gezeigte Leidenschaft negativ auswirken kann. «Geht es um Leidenschaft gibt es nicht nur eine positive, sondern auch eine negative Seite.» Übermässige Leidenschaft berge die Gefahr, dass sie Menschen starr, unempfänglich für Feedback und unflexibel mache. Arbeitssuchende befürchteten wahrscheinlich, dass zu leidenschaftliche Unternehmer:innen ein irrationales Engagement für ihre Firma und zwanghaftes Verhalten an den Tag legten, was sich nachteilig auf die Unternehmensleistung auswirken und schliesslich zum Scheitern des Unternehmens führen könnte. «Darüber hinaus deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass ein hohes Mass an Leidenschaft die Arbeitssuchenden davon ablenkt, den semantischen Inhalt der Werbebotschaften zu verarbeiten», betont Silvia Stroe.

Neugründungen: Ein hoch emotionaler Vorgang

Schon lange bevor die Assistenzprofessorin für Entrepreneurship and Innovation an die Universität St.Gallen gewählt worden ist, hat sie sich in verschiedenen Forschungsstudien mit den Herausforderungen von Neuunternehmer*innen befasst. Was fasziniert sie an diesem Thema? «Ein neues Unternehmen zu gründen, ist ein hoch emotionaler Vorgang. Die Neuunternehmer*innen riskieren viel. Es besteht die Gefahr, dass sie falsche Wege einschlagen, ihr investiertes Geld verlieren und Familie und Freunde vernachlässigen, weil sie rund um die Uhr arbeiten», erklärt Silvia Stroe ihre Passion für die Neuunternehmen. Den komplexen Prozess eines jungen Unternehmens zu verfolgen und herauszufinden, wie es die vielfältigen Herausforderungen besser bewältigen könne, finde sie hochspannend.

Bereits forscht sie an neuen Aspekten rund um junge Unternehmen. «Unter anderem geht es um die Frage, wie die Neuunternehmen auf Investoren wirken. Auch dies ist ein wichtiges Thema für das Überleben einer jungen Firma.» In ihren Untersuchungen setzt Silvia Stroe oft auch neue Technologien wie beispielweise Eye Tracking oder das Erkennen emotionaler Gesichtsausdrücke ein. «Ihr Einsatz zeigt, dass beim Betrachten einer Pitch-Präsentation nicht nur rationale, sondern auch instinktive Wahrnehmungen der Investoren eine Rolle bei der Interpretation des Gesehenen spielen.»

Claudia Schmid

Prof. Dr. Silvia Stroe ist seit dem 1. Februar 2022 Assistenzprofessorin im Global Center of Entrepreneurship and Innovation (GCEI-HSG). Sie fokussiert sich in ihrer Forschung auf die Rolle von Kognition und Emotionen im unternehmerischen Prozess.

«Small Business Economics» ist eine von Springer Science+Business Media herausgegebene wissenschaftliche Fachzeitschrift mit Peer-Review, die sich mit der Erforschung des Unternehmertums aus verschiedenen Disziplinen befasst, darunter Wirtschaft, Finanzen, Management, Psychologie und Soziologie.

Bild: Unsplash / Ian Schneider

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