Forschung - 14.01.2021 - 00:00

Unternehmenserfolg trotz und wegen ADHS

Häufig tun sich Kinder mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) schwer in der Schule und auch später in der beruflichen Tätigkeit. Oft werden sie als schwierig und anstrengend abgestempelt. Studien deuten jedoch daraufhin, dass betroffene Menschen eine Vorliebe für unternehmerische Tätigkeiten haben. Welche Faktoren dabei vor allem wichtig sind, dass sie auch erfolgreiche UnternehmerInnen sind, hat nun das Institut für Klein- und Mittelunternehmen der HSG (KMU-HSG) in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forschungsteam herausgefunden.

14. Januar 2021. Martin* rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Vor dem Fenster tollt ein Hund auf dem Rasen herum. Im Korridor vor dem Schulzimmer verabschieden sich bereits andere Kinder lautstark in die Pause. Knapp hört er noch den Satz des Lehrers: «Gebt mir die gerade besprochene Hausaufgabe morgen ab.» Schon wieder konnte er sich nicht auf die Anweisungen des Lehrers konzentrieren. Zu abgelenkt war er von seiner Umwelt.  Menschen wie Martin* fällt es wegen ihrer ADHS-Störung schwer, sich ausdauernd auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Sie reagieren sehr impulsiv und sind dauernd in Bewegung. Etwa 3 bis 5 Prozent der Kinder in der Schweiz sind davon betroffen.

Stärken und Schwächen von ADHS

Neben der Schule kann auch die berufliche Passung für Betroffene je nach Schweregrad der ADHS-Symptome eine Herausforderung sein. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Kinder wie Martin* sich später häufig zu unternehmerischen Tätigkeiten hingezogen fühlen. Ob sie damit Erfolg haben, ist jedoch wieder eine andere Frage. «Menschen mit ADHS weisen einige Persönlichkeitszüge auf, die förderlich für die Bewältigung von typischen unternehmerischen Herausforderungen sind. Auf der anderen Seite tendieren sie aber auch zu Verhaltensweisen, die weniger passend sind», erklärt Prof. Dr. Isabella Hatak vom KMU-HSG. Wie vergangene Studien etwa gezeigt haben, sind jene UnternehmerInnen erfolgreicher, welche fähig sind, sich länger auf eine oftmals auch repetitive Aufgabe fokussieren zu können, selbst wenn dabei Schwierigkeiten und Langeweile auftauchen. Genau damit haben aber ADHS-Betroffene ihre Mühe. Anderseits müssen UnternehmerInnen offen und positiv neuen Situationen begegnen, schnell neue Gelegenheiten erkennen und auch eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen. Eigenschaften wiederum, die Menschen mit ADHS eher auszeichnen. «Alles in allem halten sich die für unternehmerischen Erfolg förderlichen und hinderlichen Charaktereigenschaften von ADHS-Betroffenen ungefähr die Waage», so Hatak. Sie wollte daher zusammen mit ForschungskollegInnen der National Chung Hsing University (China), der Universität Twente (Niederlande) und der Syracuse University (USA) herausfinden, welche Bedingungen wichtig sind bzw. es ausmachen, damit UnternehmerInnen mit ADHS erfolgreich sind.

Leidenschaften beflügeln

Neben Persönlichkeitseigenschaften ist auch die Leidenschaft für unternehmerische Tätigkeiten ein wichtiger Erfolgsfaktor für FirmengründerInnen. Wie diverse Studien zeigen, erhöhen positive Gefühle für bestimmte Aufgaben die kognitive Leistung und damit auch die Performance. Das Team von Hatak nennt drei zentrale unternehmerische Tätigkeitsfelder, die jeder Unternehmer und jede Unternehmerin unterschiedlich gerne verfolgt: Die Entwicklungsleidenschaft bezieht sich auf das Wachstum und die Expansion des Unternehmens und beinhaltet somit intensive positive Gefühle für Umsatzsteigerung, Einstellung von neuen MitarbeiterInnen oder Akquise von neuen Investoren. Die Gründungsleidenschaft betrifft alle Aktivitäten für den Aufbau der finanziellen, menschlichen und sozialen Ressourcen für die Gründung aber auch für die Aufrechterhaltung des Unternehmens. Menschen mit Erfindungsleidenschaft empfinden schliesslich grosse Freude an der Entwicklung innovativer Ideen und Produkte. Wenn nur eine der drei unternehmerischen Tätigkeiten enthusiastisch verfolgt wird, besteht die Gefahr, dass die anderen Bereiche vernachlässigt werden. Ist die Leidenschaft andererseits überall vorhanden, kann es dazu kommen, dass sich der Unternehmer oder die Unternehmerin in den verschiedenen Aufgabengebieten verzettelt.

164 UnternehmerInnen untersucht

Das Forschungsteam um Hatak hat nun 164 Unternehmen aus den Niederlanden hinsichtlich des Unternehmenserfolgs, ADHS-Symptomen beim Unternehmer oder der Unternehmerin und dessen oder deren Leidenschaften für die drei genannten Tätigkeitsfeldern untersucht. 20.7 Prozent der befragten Personen zeigten dabei eine diagnostizierbare ADHS-Symptomatik, was sich ungefähr mit früheren Untersuchungen deckt, wonach rund 29 Prozent aller UnternehmerInnen von der psychischen Störung betroffen sind.

ADHS alleine ist kein Nachteil für UnternehmerInnen

Das Resultat der Studie zeigt, dass ADHS alleine nicht über unternehmerischen Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Die Leidenschaften spielen auch eine wichtige Rolle. Unter den UnternehmerInnen mit ADHS sind demnach jene am erfolgreichsten, die eine grosse Leidenschaft für das Gründen und Entwickeln einer Firma mitbringen, jedoch weniger positive Gefühle für das Erfinden haben. «Diese Konfiguration kann ADHS-assoziierte Schwächen, d.h. Schwierigkeiten beim generellen Dranbleiben und beim Aufrechterhalten von fokussierter Aufmerksamkeit, ausmerzen», begründet Hatak. Ausserdem könnte eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Erfinden, intensiviert durch den bei Betroffenen typischen Mangel an Bedacht, das Risiko steigern, andere wichtige unternehmerischen Aufgaben zu vernachlässigen. «Dies würde dann etwa darin münden, dass der oder die ADHS-UnternehmerIn so leidenschaftlich für die Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen brennt, dass er oder sie diese gar nie auf den Markt zu bringen vermag.»

Leidenschaft fürs Entwickeln kann hinderlich sein

Bei jenen UnternehmerInnen ohne ADHS-Symptome dagegen müssen die Leidenschaften idealerweise so verteilt sein, dass eine Vorliebe fürs Erfinden und Gründen besteht, nicht jedoch fürs Entwickeln. «Da diesen UnternehmerInnen nicht nur ADHS-spezifische Schwächen fehlen, sondern auch die entsprechenden Stärken wie Offenheit für Neues, Proaktivität und Kreativität weniger stark ausgeprägt sind, müssen sie ihre Leidenschaft fürs Erfinden nähren. Nur so können sie ihre potenziell inhärenten Schwierigkeiten beim Erkennen neuer Informationsmuster ausgleichen und sie mit vorhandenem Wissen kombinieren, um kreative Lösungen zu entwickeln.»

Das Ergebnis, wonach die Leidenschaft für Entwicklungsaktivitäten bei Nicht-ADHS-UnternehmerInnen gering ausgeprägt sein sollte, steht im Gegensatz zu früheren Forschungen. Prof. Dr. Isabella Hatak geht davon aus, dass dies dem Kontext geschuldet ist. Unternehmensentwicklung ist eine große Herausforderung, besonders in Jungunternehmenskontexten, in denen geradliniger Erfolg unwahrscheinlich ist und wo die Leistungsziele ständig auf ein höheres Niveau gehoben werden. Dies mag zwar aufregend für einen Unternehmer oder eine Unternehmerin sein, der oder die von Leidenschaft für Entwicklung beseelt ist. Doch kann der damit verbundene intensivierte Fokus zu Hyperfokus unter Nicht-ADHS-UnternehmerInnen führen, der erhebliche kognitive Ressourcen verbraucht und sie so für die Ausübung von Gründungs- und Erfindungstätigkeiten einschränkt. «Es scheint, dass wenn eine Stärke überstrapaziert wird, zunehmend die Gefahr besteht, dass die Kapazität des Gegenspielers reduziert wird. So können Stärken zu Schwächen werden.»

Eine Aussage darüber, ob Martin* später tendenziell schlechtere oder bessere Karten als UnternehmerInnen ohne ADHS haben wird, lässt die Studie nicht zu. «Was wir sagen können ist, dass UnternehmerInnen mit ADHS je nach Leidenschaften genauso erfolgreich sein können wie die Nichtbetroffenen. Unsere Ergebnisse unterstreichen einen stärkenbasierten Blick auf psychische Erkrankungen. Das ist, so hoffen wir, inspirierend und motivierend für Betroffene, ihre Angehörigen und auch für Entscheidungsträger in Bildung und Förderung», so Hatak.

*Person frei erfunden

Bild: Adobe Stock / fizkes

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