Veranstaltungen - 27.01.2023 - 12:45

«University of St.Gallen Grand Challenge»: Stresstest für ein neues Gesetz zur Regulierung von KI

Die EU verabschiedet ein neues Gesetz über Künstliche Intelligenz. Aber wie werden die neuen Spielregeln umgesetzt und auf existierende KI angewendet? Fachleute aus aller Welt versuchen diese Frage am 18. und 19. Juli 2023 in St.Gallen zu beantworten anlässlich der ersten «University of St.Gallen Grand Challenge».

Der Wettbewerb ist inspiriert von den berühmten DARPA Challenges in den Ingenieurswissenschaften. Es ist die erste vergleichbare Challenge in den Sozialwissenschaften. Für Interessierte findet eine online Informationsveranstaltung am 2. März um 15 Uhr statt. Der Preis an das beste Team des Wettbewerbs ist mit 100'000 Schweizer Franken dotiert. Forscherin Viktoriya Zakrevskaya hat mit HSG-Professor und Organisator Thomas Burri gesprochen.

Viktoriya Zakrevskaya: Was hat Sie inspiriert, den Anlass ins Leben zu rufen?

Thomas Burri: Im Jahr 2015 war ich zusammen mit einem Doktoranden an der «DARPA Robotics Challenge» in Los Angeles. Dort standen humanoide Roboter im Zentrum. Da dachte ich mir, es wäre toll, selbst auch einen ähnlichen Anlass zu veranstalten. Die Konkretisierung der Idee und die Planung – von einem Ingenieurwettbewerb zu einem Wettbewerb in den Sozialwissenschaften – hat jedoch einige Zeit gedauert. Wichtig schien mir, jene Aspekte zu realisieren, welche die DARPA-Challenges so einzigartig und spannend machen.

Was ist eine Grand Challenge? Können Sie den Namen erklären?

Bei unserer Grand Challenge treten Teams gegeneinander an, die je von uns bereitgestellte KI-Technologie im Lichte der neuen KI-Verordnung beurteilen. Der Anlass soll gross werden, nicht unbedeutend oder klein, also eine «Grand», nicht eine «Minor Challenge»... [lacht] Die erste DARPA-Challenge beschäftigte sich 2004 mit autonomen Autos und wurde «DARPA Grand Challenge» genannt. Dies ist unsere Inspirationsquelle. Wir wollen auch die für die DARPA Challenges typische, energiegeladene Atmosphäre an die HSG bringen. Einzig, dass die internationalen Teams hier nicht mit selbst entwickelter Technologie ein Problem lösen, sondern die Rahmenbedingungen, in welcher Technologie wirkt, testen. Wir konzentrieren uns also auf die Herausforderungen der Umsetzung der EU KI-Verordnung, die bald in Kraft treten soll. 

Welches Problem löst die Grand Challenge?

Der Wettbewerb erlaubt Einblicke und Erkenntnisse, wie die neue EU-Verordnung umgesetzt werden kann. Die Grand Challenge ist dabei keine theoretische Angelegenheit, sondern vielmehr ein praktisches Unterfangen, das reale Technologien aus der Industrie beizieht. Hauptmerkmal der Veranstaltung ist ihr Wettbewerbscharakter. Die Grand Challenge soll nicht nur bei der Umsetzung der KI-Verordnung unterstützen, sondern auch Mängel in der Verordnung selbst aufdecken.

Was zeichnet diesen Wettbewerb aus?

Ich denke, das Besondere an diesem Wettbewerb ist, dass wir einen Stresstest für ein neues Gesetz durchführen. Ein solcher Wettbewerb ist eine neue Idee. Natürlich gibt es in jedem Gerichtsverfahren ein Wettbewerbselement, aber soweit ich sehen kann, hat noch niemand einen solchen praktisch veranlagten Wettbewerb in den Sozialwissenschaften durchgeführt. Wir denken auch über andere Gesetze [als die KI-Verordnung] nach, die in Zukunft Gegenstand einer Grand Challenge sein könnten.

Wer profitiert von der Teilnahme?

Es werden so viele davon profitieren! Nicht nur das Team, das die Grand Challenge gewinnt und die 100'000 CHF mitnimmt, sondern alle Teams, die sich in einem neuen Markt positionieren und ihre Fähigkeiten schärfen. Wer KI-Technologie für den Wettbewerb zur Verfügung stellt, profitiert von einer frühzeitigen Beurteilung des Rechts und der Sichtbarkeit. Auch die Universität St.Gallen und die Schweiz werden in Sachen KI und Recht bekannter werden. Aus solchen Wettbewerben können aber auch ganze neue Wirtschaftszweige entstehen.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit dafür interessieren? Und wo findet der Wettbewerb statt?

Nun, wissen Sie, ich war kürzlich an den Swiss Robotics Days in Lausanne. Es ist sehr aufregend, die neuesten KI- und Robotertechnologien in den Händen zu halten. Es herrscht eine besondere Stimmung, ein Pioniergeist, an diesen Veranstaltungen. Das wird auch bei unserer Veranstaltung der Fall sein und selbst für die Öffentlichkeit greifbar sein. Bei der DARPA Robotics Challenge im Jahr 2015 waren Tausende von Zuschauenden dabei. Ein weiteres Beispiel der ETH Cybathlon 2016: Er füllte das Zürcher Hallenstadion! Wie erstaunlich ist das? Ich bin mir nicht sicher, ob wir diese Grössenordnung erreichen werden, aber wer weiss? Der enorme Rummel um KI wird sich rund um unsere Veranstaltung noch verstärken. Und: Haben Sie jemals die Begeisterung von Kindern gesehen, wenn sie Roboter sehen?

Welche Ergebnisse erwarten Sie? Und bis wann?

Der wichtigste «Output» dieser Art von Veranstaltungen ist schwer zu quantifizieren. Sie schaffen einen Geist, eine Gemeinschaft, eine Aufregung. Und das kann viel Gutes hervorbringen: Forschungskooperationen, neue Ideen, neue Unternehmungen, neue Freundschaften. Es wird auch greifbare Ergebnisse geben, so einen Bericht über die neuen Methoden, die für die Bewertung im Rahmen des AI-Gesetzes entwickelt wurden. Als Akademiker erwarte ich, dass darauf aufbauend mehrere akademische Publikationen verfasst werden können. Es ist auch möglich, dass die Grand Challenge zu neuen Erkenntnissen führt, die in den EU-Gesetzgebungsprozess zurückfliessen können. Für die Unternehmen besteht der wichtigste Vorteil meiner Meinung nach darin, dass sie Klarheit darüber erhalten, was die EU KI-Verordnung für sie bedeutet, einschliesslich Empfehlungen usw. Ihre Ingenieur:innen, bzw. Techniker:innen, können dann an KI arbeiten, ohne ständige Furcht, «etwas falsch zu machen». Aber für mich persönlich ist das alles eher eine Art Synergie. Was mich dazu motiviert, ist der Geist der Veranstaltung, die Aufregung über diese neue Idee.

Wer nimmt die Beurteilung vor und wie?

Wir erwarten sechs Teams, die sich aus Expert:innen der Bereiche Compliance, Recht, aber auch Technologie zusammensetzen. Es gibt verschiedene Methoden mit erkanntem Verbesserungspotenzial. Die Grand Challenge soll ein Katalysator sein für solche Lösungsansätze.

Wer trifft die Auswahl der Teams?

Wir freuen uns auf viele Teams und werden als Organisatoren zusammen mit zwei Mitgliedern unserer Jury eine sorgfältige Auswahl treffen. Es gibt objektive Kriterien für die Auswahl der Teams – Fachwissen, Glaubwürdigkeit, Engagement und Vielfalt in Bezug auf Geschlecht, Alter und allgemeinen Hintergrund.

Thomas Burri ist Professor für Völkerrecht und Europarecht an der Universität St.Gallen und organisiert die Grand Challenge an der HSG. 

Viktoriya Zakrevskaya ist Executive Managerin und Public Affairs Beraterin der Grand Challenge.

Weitere Informationen zur Grand Challenge der Universität St.Gallen finden Sie unter: www.thegrandchallenge.eu/ and www.hsg-square.ch

Bild: Adobe Stock / Andrey Popov

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