Hintergrund - 30.01.2017 - 00:00 

Interkulturelle Kommunikation: Mit dem Kontextstudium nach Indien

Wie lässt sich interkulturelle Kommunikation erlernen? Am besten vor Ort – davon ist Sabrina Bresciani überzeugt. Die Assistenzprofessorin für Digitale Kommunikation an der Universität St.Gallen war mit 15 Studierenden im November 2016 eine Woche in Indien.
Quelle: HSG Newsroom

31. Januar 2017. Im Rahmen des «Kontextstudiums» an der HSG erwerben Studierende intellektuelle und kulturelle Kompetenzen, die über ihr Fachstudium hinausgehen. Mit ihrem Seminar «Field trip to India: practicing social and intercultural communication skills» wollte Sabrina Bresciani bewusst etwas Neues ausprobieren. Wer bereits in acht verschiedenen Ländern gelebt hat, weiss um die Herausforderungen interkultureller Kommunikation.

Ein innovatives Seminarkonzept

«Indien hat eine einzigartige, jahrtausendealte Kultur», betont Bresciani, «man kann sie nicht nur über Bücher erlernen, man muss sie erfahren.» Sie plante das Seminar über mehrere Jahre, knüpfte Kontakte, testete Unterkünfte und Aktivitäten. «Das Seminar ist mir im Vorlesungsverzeichnis sofort aufgefallen», erinnert sich Teilnehmer Fabian Kunz, der im ersten Mastersemester Accounting and Finance studiert, «das war einfach mal etwas ganz anderes.» Auch Daniel Vogt, Masterstudent im dritten Semester des Studiengangs Banking and Finance, war sofort interessiert. Er war schon mehrmals im Ausland, hat einige Länder Südostasiens bereist, doch Indien war schon lange auf seiner Wunschliste. «Indien nicht nur als Tourist zu besuchen, sondern eine professionelle Einführung in das Land zu bekommen und etwas zu lernen – das fand ich sehr reizvoll.»

Kulturelle Unterschiede akzeptieren

Nach einem allgemeinen, theoretischen Einführungstag an der HSG war es zwei Monate später Aufgabe der Studierenden, interkulturelle Kommunikation direkt vor Ort zu üben und mit Menschen in Kontakt zu kommen. «Gerade bei Kleinigkeiten im Alltag bemerkt man die grössten Differenzen», erklärt Fabian Kunz. Wer etwa in Indien einer Frau öffentlich die Hand gibt, bekundet damit ein eindeutiges Interesse. Die Symbolik der Hände ist insgesamt recht komplex. Die linke Hand ist der Körperhygiene vorbehalten, sie gilt als «unrein» und darf zum Essen oder zur Begrüssung nicht benutzt werden. Wichtig sind die Akzeptanz von Andersheit und das Abbauen von Vorurteilen. «Interkulturelle Kommunikation ist kein Allgemeinschlüssel. Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass und wie sich Kulturen unterscheiden», sagt Daniel Vogt. Das schärft nicht nur das Verständnis der fremden, sondern auch der eigenen Kultur.

Ein Tag auf dem Land

Höhepunkt des Seminars war der Besuch eines ländlichen Dorfes in der Nähe von Suryapet. Die meisten der Familien dort leben unter der Armutsgrenze und sahen zum ersten Mal in ihrem Leben Europäer. «Alle wollten uns berühren», erinnert sich Fabian Kunz, «die Menschen waren komplett überwältigt.» Überrascht waren aber auch die Studierenden – von der Offenheit, der Fröhlichkeit und der Gastfreundschaft der Dorfgemeinschaft: «Wir wurden mit Blumen beworfen und empfangen wie Könige.» In kleinen Gruppen wurden die Seminarteilnehmenden verschiedenen Familien zugeteilt, um mit ihnen den Nachmittag zu verbringen und ihren Alltag kennenzulernen. Englisch sprachen die wenigsten, doch eine allgemeine Verständigung gelang trotzdem. Kommunikation mit Händen und Füssen – das beherrschen die meisten. «Durch das Eintauchen in ein authentisches Dorfleben hat der Kurs vor allem an diesem Tag viel über die indische Kultur gelernt», ist sich Sabrina Bresciani sicher.

Unerwartete Geldentwertung

«In Indien läuft nicht immer alles nach Plan» hatte die Dozentin ihren Studierenden noch in St.Gallen erklärt. Doch dass während des einwöchigen Aufenthaltes der indische Premierminister über Nacht die 500 und 1000 Rupienscheine entwerten würde – damit hatte niemand gerechnet. «Abends im Hotel in Hyderabad kam plötzlich der Kellner mit dieser Nachricht», erinnert sich Fabian Kunz, «Wir konnten das zunächst gar nicht ernst nehmen.» Bargeld spielt in Indien eine wichtige Rolle und entsprechend gross waren die Sorgen und das Misstrauen der Bevölkerung. Geldautomaten wurden leergeräumt, es gab Demonstrationen vor den Banken. «Für uns war das natürlich mit Problemen verbunden, aber trotzdem war es eine spannende Erfahrung, das live mitzuerleben. Auch das gehört zu Indien», sagt Daniel Vogt.

Für Fabian Kunz und Daniel Vogt steht fest, dass sie bestimmt nicht das letzte Mal in Indien waren. Ob beruflich oder privat – für den nächsten Aufenthalt fühlen sie sich gut vorbereitet. Auch für Sabrina Bresciani geht das Engagement in Indien weiter. Seit 2012 führt sie das non-profit Unternehmen «Kolours», das indische Mädchen mit einer Behinderung unterstützt. Das Seminar möchte Bresciani aufgrund der positiven Rückmeldungen wiederholen und freut sich deshalb, dass die Kommission des Kontextstudiums einer Fortsetzung im November 2017 bereits zugestimmt hat.

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