Meinungen - 23.04.2014 - 00:00

Fairness zwischen Jung und Alt

Solidarität zwischen den Generationen schwankt wie die ökonomische Konjunktur. Die heutige Jugend erbt Geld und Krisen. Fairness zwischen den Generationen ist mehr denn je gefragt, schreibt HSG-Soziologe Franz Schultheis.

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25. April 2014. Generationenkonflikt und Generationensolidarität sind zwei Seiten der gleichen Medaille: je nach soziohistorischem Kontext, ökonomischer Konjunktur und gesellschaftlichem Klima überwiegt die eine oder die andere Seite. Mit Blick auf die öffentliche Debatte scheinen sich die unterschiedlichen Generationen derzeit eher als Gegner zu betrachten denn als Partner. Überalterung und der prognostizierte Kollaps der sozialen Systeme verunsichern Jung und Alt gleichermassen.

Ungleiche «Lebenschancen»

Sozialwissenschaftliche Studien stützen die These, dass die junge Generation von heute in vielerlei Hinsicht nur mit Mühe die ihrer Elterngeneration gebotenen «Lebenschancen» in Sachen beruflicher Karriere, Lebensstandard und Berechenbarkeit biographischer Entwürfe verwirklichen werden können.

Daraus scheint sich eine neue «soziale Frage» zu ergeben: die Frage der Generationengerechtigkeit oder -fairness. Was versteht man darunter? Der französische Soziologe Marcel Mauss sah im Prinzip, dass jede Generation der ihr nachfolgenden mindestens das zu hinterlassen habe, was sie selbst von ihren Vorgängern geerbt hatte. Eine anthropologische Konstante der «Ethik der Generationenbeziehungen».

Generationengerechtigkeit stösst an ihre Grenzen

Die Beziehungen zwischen den Generationen zeichnen sich dadurch aus, dass die Frage der Gerechtigkeit sich hier nicht nach der ansonsten elementarsten Form der Gerechtigkeit, der Reziprozität, bestimmen lässt. Was Vater und Mutter für mich getan haben, kann ich ihnen nicht zurückgeben. Deshalb spricht Mauss hier von indirekter Reziprozität: Tue das, was Vater und Mutter für Dich getan haben für deine eigenen Kinder.

Hier stellt sich schon ein erstes grundlegendes Problem: in Zeiten zunehmender Kinderlosigkeit stösst diese Formel der Generationengerechtigkeit offenkundig an ihre Grenzen. In Deutschland etwa bleibt fast ein Paar von dreien lebenslang kinderlos, in fast allen westlichen Gesellschaften liegt die Geburtenrate weit unter dem Nettoreproduktionsniveau.

Aber das Thema ist noch viel komplexer: wir haben es heute mit widersprüchlich anmutenden Konfigurationen der Generationenbeziehungen zu tun. Einerseits konnte noch nie zuvor eine junge Generation ein auch nur annähernd vergleichbares Erbe an ökonomischem Reichtum antreten wie es heute der Fall ist.

«Jeunesse dorée» erbt Geld und Krisen

Das von den vorausgehenden Generationen akkumulierte Kapital, das der heutigen Jugend qua intergenerationeller Übergabe in Aussicht gestellt ist lässt sie als «jeunesse dorée» erscheinen. Aber es ist nicht alles Gold was glänzt. Man hinterlässt ihr auch ein von Krisen geschütteltes, dereguliertes Wirtschaftssystem. Dessen mittelfristige, geschweige denn längerfristige Zukunft ist auch von Spezialisten nicht mehr prognostizierbar und trägt zu einer grundlegenden Verunsicherung der Zukunftsperspektiven bei.

Hinzu kommt eine Vielzahl globaler Risiken wie Umweltprobleme und wachsende soziale Spannungen, eine Folge der zunehmenden Ungleichheitsverteilungen von Lebenschancen im Nord-Süd- oder West-Ost-Gefälle. In vielen Gesellschaften der Gegenwart, auch europäischen, sind mehr als 50 Prozent der unter 25jährigen arbeitslos und so von allen wesentlichen Ressourcen abgeschnitten und sozial ausgegrenzt.

Die sich hier abzeichnenden Zukunftsszenarien lassen das den privilegierteren Kategorien der jungen Generation versprochene Erbe an materiellen Gütern höchst prekär und fragil erscheinen: als eine Art vergiftetes Geschenk. Symptomatisch für diese Situation könnte der Umstand sein, dass sich die heutigen gesellschaftlichen Debatten um Generationengerechtigkeit weitgehend auf Probleme der Verteilung von Haben und Soll im Bereich der Rentenfinanzierung und -ausschüttung konzentrieren. Die eigentlich besorgniserregenden Fragen gehen in der tagespolitischen Geschäftigkeit häufig unter.

Bild: Photocase / *Bonsai*

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