Campus - 16.07.2012 - 00:00 

Die Ertragskraft des Glücks

Angesichts der Wirtschaftskrise ist «Business as usual» nicht mehr legitim. Wirtschaftsethiker sondierten während einer Tagung an der HSG neue Geschäftsmodelle, die Glück anstelle von Profit setzen.

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14 Juni 2012.  Häufig hört man, die Motivation eines Arbeitnehmer hänge stark von Salär und Bonus ab. Eine Tagung des Humanistic Management Network an der HSG hinterfragte diese Annahme. Die Konferenz zum Thema «Happiness and Profit – Well-being as alternative objective function for business?» befasste sich mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitnehmerglück, sozialer Verantwortung und Produktivität. Fazit: Ein alternatives Geschäftsmodell könnte auch in einem glücklichen Arbeitsumfeld bestehen. 

Geld versus Engagement
Stimulieren tatsächlich nur Boni und andere finanzielle Belohnungen zu mehr Leistung am Arbeitsplatz? Am Tagungsvormittag wurde «Well-Being» als alternative Zielsetzung zur Entlohnung untersucht.

Die Referenten – sie reichten vom buddhistischen Philosophen Dr. Kai Romhardt bis zum CEO der sozialbewussten Bäckerei Märkisches Landbrot, Joachim Weckmann – hinterfragten die Meinungen darüber, was die Arbeitnehmer zu höchster Leistungsfähigkeit motiviere, und kamen zum Schluss, dass das Gehalt nicht das effizienteste Mittel dazu sei. Menschen neigen dazu, mit grösserem Einsatz und konsequent zu arbeiten, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz glücklich sind und das Gefühl haben, einen Beitrag an ein übergeordnetes Wohl zu leisten.

In gewisser Hinsicht ist die Befriedigung der Lohn, das Gehalt hingegen der Gewinn. «Die Leute sind produktiver, wenn sie fühlen, zu etwas Grösserem und Wichtigen zu gehören», sagte Wolff Horbach von Faktor G, einer der Referenten. Wenn ein sozialbewusstes Umfeld geschaffen und die Mitwirkung jedes Arbeitnehmers geschätzt wird, spüren die Menschen der Wert ihrer Arbeit und arbeiten härter, um diesen Wert auch zu schaffen.

Die evolutionäre Sichtweise vom Glück
Einer der Gründe, weshalb das Glück nicht schon früher in Zusammenhang mit Gewinn oder Produktivität gebracht worden ist, besteht darin, dass die vorherrschende Sichtweise vom Glück abwegig ist. Laut einem der Referenten, nämlich Stefan Klein, dem Bestsellerautor von «Die Glücksformel», ist das Glück nicht ein Zustand, den wir erreichen und dann bewahren können. Das Glück ist eine emotionale Reaktion auf einen positiven Wandel und verschwindet darnach rasch wieder, wenn wir uns auf die neue Situation eingestellt haben, die diese Reaktion hervorgerufen hat. Wir müssen weitere positive Veränderungen finden, um in einem Glückszustand verweilen zu können.

«Das Glück ist Ausdruck unserer Bedürfnisse und unserer Lernhaltung», sagte Klein. «Wie auch unsere Reaktionen von Angst oder Wut will das Glück uns etwas lehren…wir reagieren mit Angst auf etwas, weil wir es als gefährlich erkennen und wegrennen möchten. Wir reagieren mit Glück, weil wir etwas erreicht haben, das für uns gut ist.»

Gehalt gegenüber Befriedigung 
Einige Referenten führten ins Feld, dass das Gefühl, einen Beitrag an ein Gemeinwesen zu leisten oder einer Leidenschaft zu frönen, die wichtigere Antriebskraft zu effizientem Arbeiten sei. Ein von Stefan Klein vorgetragenes Beispiel bezog sich auf den Erfolgsvergleich zwischen der Encarta, der von Microsoft herausgebrachten Enzyklopädie, und der Wikipedia. Die Encarta wurde von Microsoft zwischen 1993 und 2011 produziert. Sie bestand aus Inhalten, die das Unternehmen gegen Bezahlung veröffentlichte. 2011 wurde die Encarta wegen Abonnentenmangels eingestellt. Die meisten Menschen benutzten die Wikipedia, die gratis erhältlich war und deren Inhalte freiwillig produziert wurden. Nun mag die Wikipedia der Encarta vorgezogen werden, weil sie kostenlos ist; jedoch war die Wikipedia nur in der Lage, mit der Encarta zu konkurrieren, weil ihre Inhalte von einzelnen Freiwilligen erzeugt wurden. Diese hatten das Gefühl, einen Beitrag an ein übergeordnetes Gemeinwesen zu leisten und bewerteten ihre Arbeit für die Wikipedia höher, als sie dies andernfalls getan hätten.

«Erklären Sie das Glück zu einem Geschäftsziel», sagte Klein, «und zögern Sie nicht – Sie könnten es bereuen.»

Bild: Photocase /Steph-anie

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