Meinungen - 05.02.2021 - 00:00

50 Jahren Frauenstimmrecht in der Schweiz

Vor 50 Jahren haben die Schweizerinnen das Wahlrecht erhalten. Dem ging ein jahrzehntelanger, emotionaler Abstimmungskampf voraus. Die Emotionalisierung politischer Themen, das Schüren der Ängste vor strukturellen Veränderungen - wie der Einführung des Frauenstimmrechts - gipfeln meist in der Botschaft «Wenn wir das ändern, geht die Welt unter». Nun zeigt die Geschichte, dass dem meistens nicht so ist. Warum tun wir uns trotzdem so schwer mit Veränderungen? Von Gudrun Sander.

5. Februar 2021. Kaiserin Maria Theresia führte 1774 in ihrer Monarchie die allgemeine Schulpflicht ein. 1964 wurde mit dem Civil Rights Act die Rassentrennung in den USA aufgehoben. Und schliesslich erhielten 1971 die Schweizerinnen das lang ersehnte Wahlrecht. Zahlreiche weitere Beispiele liessen sich hier aufführen. All diesen Entscheidungen gingen jahrzehntelange, emotionale Diskussionen voraus. Zeugnis davon legen u.a. die Plakate ab, die von den Gegner*innen des Stimmrechts für Frauen in der Schweiz benutzt wurden.

Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur Einführung des Frauenstimmrechts, gestaltet von Otto Baumberger. Das Plakat von 1920 wurde in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich eingesetzt.
Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur Einführung des Frauenstimmrechts, gestaltet von Otto Baumberger. Das Plakat von 1920 wurde in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich eingesetzt.

Frauen sind nicht nur Frauen

Die Angst, dass aus Frauen Furien werden (siehe Plakat), wenn sie wählen dürfen oder die Schweiz kommunistisch wird; die Angst, dass Firmen bankrottgehen, wenn die Frauenquote in Verwaltungsräten oder Geschäftsleitungen umgesetzt wird etc. – all das war und ist unbegründet, weil die Gruppe der Frauen genauso heterogen ist wie die Gruppe der Männer. Frauen sind nicht nur Frauen. Sie können gleichzeitig auch Teil anderer Gruppen sein, wie z. B. der Gruppe der Eltern, der Führungskräfte, der People of Color, der LGBTI+ Community, von bestimmten Religionsgruppen oder Kulturkreisen, von Bildungs- und Einkommensschichten etc. Im Fachjargon sprechen wir von Intersektionalität. Der «Weltuntergang» kam durch das Frauenstimmrecht nicht und wird auch bei einer Individualbesteuerung oder flächendeckenden Betreuungsstrukturen nicht kommen.

Privilegien verlieren tut weh

Warum tun wir uns so schwer mit solchen strukturellen Veränderungen wie der Einführung des Wahlrechts für Frauen, oder zukünftig vielleicht für Ausländer*innen? Im Kern geht es dabei auch immer um Machtfragen und Privilegien. Auf der einen Seite wird bisher ausgeschlossenen Gruppen mit der Einführung von Rechten, Quotenregelungen etc. formal der Zugang zu Entscheidungen ermöglicht. Sie erhalten damit mehr Macht und Einflussmöglichkeiten. Auf der anderen Seite müssen diejenigen, die bisher allein entschieden haben, Macht teilen und Privilegien abgeben. Das verunsichert, macht Angst und wirft Fragen auf: Was passiert, wenn wir nicht wie bisher in gewohnter Konstellation entscheiden können? Wenn andere mitbestimmen und ihre Interessen durchsetzen wollen? Macht teilen ist immer auch mit Risiken verbunden und braucht den Aufbau von Vertrauen, dass ein gemeinsamer Diskurs unter Einbezug verschiedenster Perspektiven und ein gemeinsamer, fairer Aushandlungsprozess am Schluss die tragfähigeren Entscheidungen und Lösungen für die Zukunft bringen. Emotionalisierte Bilder helfen zum Vertrauensaufbau nicht, Fakten hingegen schon.

Veränderung beginnt im Kopf, braucht dann aber Strukturen zur Verfestigung

Gesetze hängen der Realität immer hinterher. Die wahren Abenteuer beginnen zuerst im Kopf. Wir müssen uns vorstellen können, dass Frauen fähig sind, gute Politik zu machen, Firmen erfolgreich zu führen, Spitzenforschung zu machen. Und wir müssen uns vorstellen können, dass Männer Kinder wunderbar erziehen können, sich um ihre Eltern kümmern wollen und als Krankenpfleger Erfüllung finden. Doch das alleine genügt nicht.

Es macht einen Unterschied, ob ich ein Recht auf etwas habe oder ob ich vom Wohlwollen einzelner abhängig bin, um meine Potenziale zu entfalten: Muss ich meinen Ehemann um Erlaubnis fragen, um berufstätig zu sein (wie das im Schweizer Eherecht bis Ende 1987 noch der Fall war!) oder habe ich das Recht berufstätig zu sein? Es macht auch einen Unterschied, wie schwer es mir gemacht wird, meinen persönlichen Lebensentwurf zu leben. Wir sprechen hier vom «institutionellen Doing Gender». Gemeint sind z.B. Strukturen und Institutionen wie die Subventionierung der Kinderbetreuung, das Schulsystem oder die Einkommensbesteuerung, die immer noch auf alten Rollenbildern fussen und z. B. partnerschaftliche Lebensmodelle sehr schwierig in der Umsetzung machen.

Mut zu rascheren Veränderungen

Daher braucht es dringend weitere strukturelle Anpassungen, um der bereits gelebten Realität Rechnung zu tragen. Mehr als drei Viertel der Mütter in der Schweiz sind erwerbstätig, mehr als ein Viertel des Haushaltseinkommens von Paaren mit Kindern wird von den Frauen in allen Schichten beigetragen, mehr Frauen als Männer haben heute einen Hochschulabschluss – um nur einige Fakten zu nennen. Diese Fakten – und nicht emotionalisierte Bilder - sollten entscheiden, wie wir unsere Systeme, Institutionen und Strukturen bauen, also Schulen, Kinderbetreuung, Steuersystem, Pensionskassen und Sozialversicherungen etc. Wie rasch wir fähig sind Veränderungen umzusetzen, zeigt uns die aktuelle Pandemie. So wie die allgemeine Schulpflicht und das Wahlrecht für Frauen rasch «normal» wurden, werden auch Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, Frauen im Topmanagement und partnerschaftliche Lebensmodelle «normal», wenn die Strukturen angepasst sind. Haben wir den Mut zu rascheren Veränderungen dieser Strukturen. Nur so können wir gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft meistern.

Gudrun Sander ist Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung des Diversity Management und Direktorin des Competence Centre for Diversity and Inclusion CCDI an der Forschungsstelle für Internationales Management FIM-HSG.

Bild: Adobe Stock / sezerozger

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